Gesamtschule liegt vorerst auf Eis

Artikel im Westfälischen Volksblatt vom 07.10.2011

16.10.2011, 23:01 Uhr
Foto: Jörn Hannemann, WV
Foto: Jörn Hannemann, WV

Kritik des Lehrerkollegiums am Vorpreschen des Bad Lippspringer Rates
Bad Lippspringe (WV). Mit einem offenen Brief an Bürgermeister Andreas Bee kämpft die Bad Lippspringer Realschule mit ihren mehr als 600 Schülern um ihre Existenz. Jüngst votierte der Rat für die baldige Umwandlung in eine Gesamtschule. Die Errichtung einer Gesamtschule bereits im Jahr 2012/13 schließt die Bezirksregierung aber aus.

Von Bernhard Liedmann

Grundsätzlich hält die Detmolder Behörde jedoch die Errichtung einer vier- bis fünfzügigen Gesamtschule in Bad Lippspringe für möglich. Dies, so Bürgermeister Andreas Bee in einer Erklärung, sei das Ergebnis eines Gesprächs von ihm mit Schlangens Bürgermeister Ulrich Knorr und Vertretern des RP in Detmold am Mittwoch gewesen. Hier haben die Bürgermeister das Konzept einer fünfzügigen Gesamtschule an zwei Standorten vorgestellt. Diese Lösung, bei der in Schlangen und Bad Lippspringe die Klassen 5 bis 10 unterrichtet würden, beurteilt die Behörde aber skeptisch, da ein gutes Fächer- und Leistungsangebot an zwei Standorten nur schwer zu erreichen sei. Wenig positiv bewertete der RP auch die Variante, wonach die Klassen 5 bis 7 in Schlangen und die Klassen 8 bis 10 plus Oberstufe in Bad Lippspringe unterrichtet werden.
Aufgrund der Schülerzahlen sei, so der Bürgermeister weiter, Bad Lippspringe nach Auffassung der Bezirksregierung durchaus in der Lage, eine vier- bis fünfzügige Gesamtschule »allein zu stemmen«. Die Errichtung einer Gesamtschule bereits zum Schuljahr 2012/13 sei jedoch schon aus organisatorischen Gründen nicht machbar. Voraussichtlich am 17. Oktober wird es eine Sondersitzung des Schulausschusses zu diesem Thema geben.

In dem offenen Brief zeigt sich das 44-köpfige Kollegium der Schule sehr enttäuscht, dass die gute Arbeit der Realschule in den vier Jahrzehnten von den politischen Entscheidungsträgern so gering geschätzt werde, dass man sie kurzfristig gegen eine andere Schulform austauschen wolle. Die Realschule habe effizient und zukunftsorientiert gearbeitet. Beispiele seien der bilinguale Zweig, vielfältige Differenzierungskurse sowie Arbeitsgemeinschaften und Kooperationsverträge mit der heimischen Wirtschaft.

In ihrem Brief weisen die Lehrer darauf hin, dass die Gesamtschulen nicht unumstritten seien und die Anmeldezahlen bei Gymnasien und Realschulen belegten, dass viele Eltern diese Schulformen weiterhin bevorzugten. Das Kollegium hinterfragt zudem, wie Bad Lippspringe angesichts der Kosten für die Landesgartenschau die notwendigen Mittel für die Umgestaltung zu einer Gesamtschule aufbringen wolle.
Für eine Oberstufe fehle zudem schlichtweg der Platz in den bestehenden Gebäuden. Gesamtschule heiße auch verpflichtender Unterricht für alle an vier Nachmittagen. Ob die Eltern dies tatsächlich wollten, sei zu hinterfragen. Außerdem, so der Lehrerrat weiter, werde die neue Mensa schnell zu klein sein für die zu erwartende Schülerzahl.
Nach Auffassung des Kollegiums sollte im Interesse von Eltern und Schüler sorgfältig geprüft werden, welche Schulform langfristig die beste sei. Das derzeit in der Politik vorgelegte Tempo sei nicht geeignet, um zu einer wirklich durchdachten Lösung zu kommen. Immer neue Pläne führten zur Verunsicherung von Schülern, Eltern und Lehrern.

Bei der Übergabe des offenen Briefes kritisierten die Lehrer, dass dieses klärende Gespräch mit dem Regierungspräsidenten bereits im Vorfeld der schulpolitischen Diskussion hätte stattfinden müssen. Bei der Errichtung einer Gesamtschule müsse die Politik auch bedenken, dass das gesamte Kollegium mit der jetzigen Schulleitung komplett zerschlagen werde. Alle müssten sich für eine Gesamtschule neu bewerben. Eine Gesamtschule als Neugründung könne auch nicht die erfolgreichen pädagogischen Konzepte der Realschule einfließen lassen. In den vergangenen Monaten habe man sich als »Spielball« der Fraktionen empfunden.
Bürgermeister Bee wiederum gab seiner Freude darüber Ausdruck, dass nach dem Gespräch in Detmold für die Realschule vorerst eine Planungssicherheit bestehe, beispielsweise auch schon für den Tag der offenen Tür im November. Die Realschule leiste eine hervorragende Arbeit. Diese Erfolge müssen weiter fortgeführt werden. Die Politik habe jetzt alle drei Optionen: dauerhafte Fortführung der Realschule, Sekundarschule oder die Gesamtschule.

Artikel vom 07.10.2011